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Michail P. Grjasnow. Südsibirien. Genf: Nagel Verlag. 1970. (Archaelogia Mundi) Michail P. Grjasnow

Südsibirien.

// Genf: Nagel Verlag. 1970. 264 s. (Archaelogia Mundi)

 

Übersetzung aus dem Russischen: Hans-Jürgen Jordan.

78 mehrfarbige und 92 schwarz-weiße Abbildungen.

 

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Im Bereich der oberen Flußläufe des Ob und des Jenissei erstrecken sich die weiten Ebenen des Altai. Jahrtausendelang waren sie von Nomaden bewohnt, die reitend die endlosen Steppen durchstreiften und keine Monumentalkunst kannten. Man sollte glauben, hier keine Zeichen jener vergänglichen und von Unstetigkeit geprägten Zivilisation mehr auffinden zu können. Dennoch darf die erhaltende Kraft der Natur nicht unterschätzt werden. Ebenso wie die schützende Lavadecke des Vesuvs Herculaneum und Pompeji nahezu vollkommen erhalten hat, bewahrte die fast ununterbrochene Vereisung des sibirischen Bodens alles das, was einst Nomaden dort vergraben haben. Es ist bekannt, daß beim Tode hoher Persönlichkeiten dem Leichnam in den Kurganen alle Besitztümer des Verstorbenen beigelegt wurden, und so erklärt sich die reiche Fülle an-archäolo-gischen Überresten, die aus dieser Zeit auf uns gekommen sind. Seit den Funden vom Beginn des 18. Jahrhunderts, die in der Sibirischen Sammlung Peters des Großen zusammengefaßt sind, hat das Eremitage-Museum in Leningrad eine Vielzahl weiterer bemerkenswerter Stücke zusammengetragen, die selbst in mehreren großen Ausstellungssälen kaum hinreichenden Platz finden.

Das vorliegende Werk stellt erstmals in der westlichen Welt eine Auswahl erstaunlicher Dokumente dieser großartigen Kunst vor, deren Entstehung annähernd dreitausend Jahre zurückliegt. Beim Betrachten rotschimmernder, mit Holzschnitzereien verzierter Satteldecken, außergewöhnlicher Tätowierungen auf menschlicher Haut und wunderbarer, mit Türkisen inkrustierter Goldarbeiten beeindruckt die kraftvolle Stilisierung dieser wahrhaften Meisterwerke, die moderneren Schöpfungen in nichts nachstehen.

Diese Abhandlung, verfaßt von Michail Grjasnow, Professor am Archäologischen Institut in Leningrad, wird durch eine vortreffliche Dokumentation bereichert, die unsere Mitarbeiter in der Sowjetunion selbst zusammengestellt haben. Sie bringt uns einer Welt näher, in der sich Phantastisches mit Alltäglichem verbindet und die Vergänglichem Dauer verleiht.

 

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort. 9

 

Einleitung. 11

Natur und Menschen. 11

Geschichte der archäologischen Entdeckungen. 15

Probleme, Methoden, Diskussionen. 38

 

Kapitel I. Das Chalkolithikum. 49

Die Afanasevo-Kultur (Ende des 3. Jahrtausends v. Chr.). 51

Die Okunev-Kultur (Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr.). 64

 

Kapitel II. Die Bronzezeit. 93

Die Andronovo-Kultur (Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.). 95

Die Karasuk-Kultur (13.-8. Jh. v. Chr.). 104

 

Kapitel III. Die Zeit der frühen Nomaden. 155

Die Nomaden des Altai (5. Jh. v. Chr. 1. Jh. n. Chr.). 158

Siedlungen am Ob (7. Jh. v. Chr. 1. Jh. n. Chr.). 220

Die Tagar-Kultur am Jenisei (6. Jh. v. Chr. 1. Jh. n. Chr.). 235

Die frühen Nomaden der Tuva (7.-2. Jh. v. Chr.). 241

 

Schlußfolgerung. 245

 

Zeittafel. 247

Verzeichnis der Abbildungen [1-170]. 249

Index. 259

 


 

Vorwort.   ^

 

Das Bild der archäologischen Wissenschaft wechselt in ihrem riesigen Bereich von einer Provinz zur anderen. Die Probleme, Methoden, Ergebnisse sind für die Archäologie Südsibiriens von anderem Zuschnitt als z.B. für die des Mittelmeerbeckens, und wer wäre schon darüber erstaunt ? Gewiß, die Entwicklung des Menschengeschlechts ist die allgemeine Perspektive, die allenthalben für die Untersuchungen gilt; überall im Verein mit gleichen Anstrengungen zu objektiver Analyse, bestimmt die Sorge, nichts auszulassen, die Ausgrabungstätigkeit, eine jedesmal einzigartige Erfahrung, die irremediabel ist unter dem Vorbehalt, die Informationen und Dokumentationen anhand der vielfältigen neu studierten Fakten zu überprüfen und zu vervollständigen; und es versteht sich von selbst, daß bei unablässigem Wiedererarbeiten wissenschaftlicher Forschung die Schlußfolgerungen niemals Grenzsteine sind.

 

Die physischen und klimatischen Bedingungen des betreffenden Gebiets aber, das Wesen der überkommenen Zeugnisse, die Aufschlüsse über die Zivilisation, die sie reflektieren, haben hier einen ganz eigenen Charakter. Die anstehenden Probleme berühren die Ethnologie: der Ursprung der Besiedlung, der Prozeß der ökonomischen und sozialen Transformationen, die Revolutionierung, die mit der ersten Verwendung des Metalls einhergeht, oder der Übergang zum Nomadentum bilden gegebenerweise vordergründige Fragenkomplexe.

 

Bei dem Fehlen schriftlicher Denkmäler erforderten die Interpretation der Funde, die durchweg aus Gräbern stammen, ihre nicht nur chronologische und typologische, sondern auch topographische und selektive Klassifikation, eine zugleich vorsichtigabwägende wie scharfe Methode der Untersuchung, deren im ganzen deduktive und induktive Konsequenz der Leser in diesem Buch schätzen lernen wird. Schließlich fügen die in den Kurganen entdeckten Gerätschaften und die Bestattungsriten, deren genaueste Abbilder zuweilen vom Eis überdeckt und bewahrt wurden, den Ergebnissen der Ausgrabungen außergewöhnliche, interessante Gesichtspunkte hinzu; die Lebensweise der Horde, ihre soziale Organisation, ihre Arbeiten und Gebräuche, selbst die Ausprägungen ihres Gemeinschaftsbewußtseins enthüllen sich hier in erstaunlicher Weise. Die Schmuckgegenstände, zugleich prächtig und barbarisch, fremdartig und faszinierend, verleihen der Kunst der Steppe eine ästhetische Wirkung, die merkwürdigerweise unserem modernen Geschmack nahekommt.

J.M.

[Wissenschaftliche Leitung: Jean Marcadé, Professor für Archäologie an der Universität Bordeaux]

 


 

Schlussfolgerung.   ^

 

Wir wissen nicht, wann in Südsibirien eine Bevölkerung europiden Typs auftauchte und woher sie kam. Wir kennen anhand der archäologischen Funde die Geschichte der europiden Bevölkerung Sibiriens erst seit Beginn des Chalkolithikums, als sie damit begann, ein neues Material für ihre Werkzeuge, das Metall, zu verwenden, Haustiere zu halten und Nutzpflanzen zu kultivieren und damit allmählich zu einer Form produktiver Wirtschaft überzugehen.

 

Südsibirien lag an der östlichen Peripherie eines Gebiets mit europider Bevölkerung. Wir verfolgten ihre Geschichte während mehr als zweitausend Jahren und schlössen mit der Epoche der frühen Nomaden, die eine von uns heute als extensiv und rückständig betrachtete Form nomadischer Viehzucht hatte, für die damalige Zeit aber als fortschrittlich gelten muß, da sie einen ungekannten wirtschaftlichen Aufschwung für die Viehzüchterstämme der Steppe zur Folge hatte. Damit ging auch ein allgemeiner kultureller Aufstieg einher, der einen hohen Stand schöpferischer Kunst gewährleistete. Dies war die heroische Periode in der Geschichte der alten Völker Sibiriens, die die Volkshelden entstehen ließ und begabte Schöpfer volkstümlicher Kunst hervorbrachte. Aber es war auch die Zeit grausamer, barbarischer Kriege und räuberischer Überfälle. Dennoch war es die letzte Periode eines relativ ruhigen und relativ gesicherten Lebens für die Völker Eurasiens. Um die Zeitenwende geriet die ganze Steppe in Bewegung. Es begann die Zeit der großen Völkerwanderungen. Auch Südsibirien erlebte einen Bevölkerungswandel. Die ehedem europide Bevölkerung wurde durch mongolide Stämme, die aus Zentralasien hereindrängten, teils wohl vernichtet, teils irgendwohin abgedrängt, teils aufgesogen und assimiliert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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